Nidda baut - Eine Baustelle zeigt Gesicht: Folge 8

Antje Schmidt-Wolf, Unternehmensberaterin und 1. Vorsitzende des Gewerbevereins Nidda

 

Wenn jemand sagt „Das Ende naht“, möchte er meist etwas Negatives, Angstbehaftetes zum Ausdruck bringen, oft sogar den Tod. Ist das Herannahende jedoch etwas Positives, bedient man sich eher Redewendungen wie „Land in Sicht“ oder „Licht am Ende des Tunnels“.
Letztere Sprichwörtlichkeit passt wiederum recht gut zur Großbaustelle in der Niddaer Innenstadt, auch wenn dort kein U-Bahn-Tunnel (was eigentlich eine schöne Ulk-Meldung zum letzten 1. April gewesen wäre), sondern Wasser- bzw. Abwasserrohre unterhalb der Hauptverkehrsader verlegt wurden.

Diese neuen Rohre sind längst in Betrieb, im letzten Kapitel des Mammut-Projektes versieht Hessen Mobil nun gerade die ganze Passage zwischen Kino-Kreisel und Tankstellen-Kreisel noch mit einer neuen Fahrbahndecke. Wenn schon, denn schon. Eine Frau, die seit Anfang vergangenen Jahres einen ganz besonderen Blick auf das umfangreiche Bauvorhaben hat, ist Antje Schmidt-Wolf, denn sie ist 1. Vorsitzende des hiesigen Gewerbevereins, also der Vereinigung derer, die wohl am meisten, am existenziellsten von der Baustelle betroffen waren und noch immer sind. Insofern ist sie ganz sicher auch eines der Gesichter dieser Baustelle.

Liebe Antje, du hast Ende 2017 den Posten der 1. Vorsitzenden des Nidddaer Gewerbevereins übernommen, also unmittelbar bevor die  für viele eures Vereins  existenziell bedrohliche Großbaustelle das innerstädtische Geschäftsleben für eineinhalb Jahre massiv beeinflusst hat. Es gibt sicher einfachere Einstiege in ein solches Amt, oder?

Schmidt-Wolf:

Das würde ich so unterschreiben, ja (lacht). Als ich das Amt von Bernd Herche übernahm, war noch gar nicht so ganz abzusehen, wann genau die Bauarbeiten beginnen und vor allem welches Ausmaß sie einnehmen würden. Vielleicht war das auch besser so… Auf jeden Fall spielte die Baustelle für mich noch keine Rolle, als ich mich dazu entschied, mich bei der Mitgliederversammlung im Oktober 2017 zur Wahl zu stellen und dann tatsächlich gewählt wurde.

Lass uns aber zunächst noch kurz deinen biografischen Hintergrund beleuchten, du bist keine Ur-Niddaerin, nicht wahr?

Schmidt-Wolf:

Stimmt. Ich bin Jahrgang ´74 und stamme aus einem Dorf bei Riesa, das liegt zwischen Leipzig und Dresden. Dort bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen, habe als Kind ganz viel draußen mit Freunden gespielt. Wir waren dabei viel im Wald und sind oft auf Bäume geklettert. Meine Eltern und viele meiner Verwandten leben heute noch dort und ich besuche sie regelmäßig.

Du warst 15 als die Mauer fiel. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?

Schmidt-Wolf:

Ich war in der 10. Klasse und in einem Alter, in dem man beginnt, sich auch mit gesellschaftlichen und politischen Dingen auseinanderzusetzen. Natürlich habe ich wahrgenommen, dass es so mit der DDR nicht weitergehen konnte, dass es immer mehr Einschränkungen gab beim Reisen, aber vor allem auch bei den Lebensmitteln. Man konnte nicht sagen, ich kauf´ jetzt mal dies und das ein, sondern musste vor Ort schauen, was es überhaupt gab. Insofern war schon klar, dass sich etwas ändern musste. Was genau wussten wir nicht, zumal ich vor der Wende nie im Westen war, obwohl wir in Freiburg Verwandte hatten, die uns hin und wieder besuchten. Mein West-Wissen beschränkte sich also auf deren Berichte und ein paar Bildern aus dem (eigentlich verbotenen) West-Fernsehen, die es hin und wieder mal in irgendwelchen Hinterzimmern zu bestaunen gab. Was das Schulische angeht weiß ich noch, dass zunächst noch nicht so genau klar war, was von den alten Strukturen noch  Bestand haben würde und was nicht. Irgendwann hieß es, dass die Fächer Staatskunde und Russisch nun wegfielen bzw. keine Pflicht mehr waren. Es wurde in unseren Jahrgängen viel ausprobiert, vieles war provisorisch, wurde um einige Male umstrukturiert, während die Lehrer die gleichen blieben. Erst später, im Marketing-Studium in Dresden, habe ich erstmals bewusst wahrgenommen, dass da einige West-Professoren vor mir sitzen.

Was waren deine Lieblingsschulfächer?

Schmidt-Wolf:

Biologie und Kunst. Wobei ich mich schon zum Ende der Schulzeit sehr für Marketing interessiert habe, so dass das Studium in Dresden nach dem Abitur für mich der nächste logische Schritt war. Da es im Marketingbereich wichtig ist, Außendiensterfahrungen zu sammeln, habe ich nach dem Studium für ein Pharmaunternehmen im Außendienst gearbeitet, wofür ich nach Hamburg gezogen bin und dort einen Bezirk betreut habe, sprich die Produkte in den Apotheken vorgestellt und verkauft habe. Nach einer Umstrukturierung des Unternehmens hatte ich dann die Wahl einen Bezirk in und um Kassel oder in der Region Frankfurt zu übernehmen. Da mein damaliger Freund und jetziger Mann (den ich schon aus der Grundschule in Riesa kenne) bei SAP in Walldorf arbeitete, entschied ich mich für Frankfurt. Gelebt haben wir ab 2002 in Dauernheim, ehe wir dann nach 2005 in Geiß-Nidda gebaut haben.

Wie hast du das „Ankommen“ hier in Nidda erlebt, Zugezogene werden ja auf den Dörfern gerne mal kritisch beäugt…

Schmidt-Wolf:

Wenn man zuvor in der Lüneburger Heide gewohnt hat - wie ich zu meiner Hamburger-Zeit -, war das Ankommen in Geiß-Nidda ein Empfang mit offenen Armen (lacht). Wenn man dort nur aus dem Nachbarort zuzieht, ist man über Jahre eine Fremde. Das war hier deutlich angenehmer und lief völlig problemlos. Über die Kinder, den Kindergarten und den einen oder anderen Verein (u.a. dem Gewerbeverein, damals noch als Beisitzerin), war man schnell integriert.

Irgendwann war aber dann Schluss mit dem Außendienst, warum?

Schmidt-Wolf: 

Mir hat dieser Job wirklich Spaß gemacht, man war ein stückweit sein eigener Herr und konnte sich seine Touren selbst planen. Als aber die nächste Gebietsreform des Pharmaunternehmens anstand und ich einen Bezirk um Köln/Bonn/Hagen übernehmen sollte, war der Zeitpunkt gekommen, auszusteigen. Ich hätte dafür drei Tage die Woche dort oben übernachten müssen und das war mit mittlerweile zwei Kindern nicht mehr machbar.

Dennoch kündigt man ja einen sicheren Job nicht ins Blaue hinein, hattest du da schon einen Plan, wie es für dich beruflich weitergehen könnte?

Schmidt-Wolf:

Ja, das war insgesamt schon ein Prozess von sicher einem guten Jahr. Mein Mann hatte sich derweil auch selbstständig gemacht, so dass die strukturellen Rahmenbedingungen, die eine Selbstständigkeit mit sich bringt, nicht ganz neu für mich waren. Was das Berufliche angeht, war es schon so, dass ich mit diesem Schritt auch wieder ein stückweit zurück zu dem bin, was ich ursprünglich vorhatte, ehe ich im Außendienst „hängengeblieben“ bin. Ich habe mir dann ganz in Ruhe überlegt, wie ich arbeiten möchte, wo meine Stärken oder noch eventuelle Schwächen liegen. 2013 stand dann ganz im Zeichen meiner Ausbildungen zum Coach bzw. zur Trainerin, so dass ich 2014 dann gut vorbereitet in diesen neuen beruflichen Lebensabschnitt gestartet bin.  Dennoch ist es natürlich immer auch ein Risiko, in eine Selbstständigkeit mit null Bestandskunden zu gehen. Insofern bin ich eigentlich ganz froh darüber, wie sich mein neues Baby seit dem entwickelt hat, ich habe nun doch schon eine sehr stattliche Zahl an Kunden hier in der Region, aber auch einige außerhalb. Hier in Nidda habe ich u.a. für „Lunas Kreativeck“, das „TEXTILIUM“, die „Schiller-Galerie“, aber auch für verschiedene Niddaer Vereine gearbeitet. Meistens habe ich so drei bis vier Projekte gleichzeitig am Laufen, mehr ist als Ein-Frau-Unternehmen ohnehin nicht möglich.

Kannst du kurz beschrieben, wie und für wen du arbeitest?

Schmidt-Wolf:  

Ich helfe kleinen und mittelständischen Unternehmen, Einzelunternehmern aber auch und Vereinen dabei, glaubwürdige und umsetzbare Marketing-Botschaften zu entwickeln, sich klar zu positionieren und sich als Marke dem Kunden darzustellen. Im Vorfeld versuche ich beim Unternehmen zunächst viel zu erfragen, um herauszufinden, was genau der Kunde eigentlich benötigt. Dafür ist es mir auch lieber zum Unternehmen, zum Kunden hinzufahren, als dass dieser zu mir kommt. So gewinne ich einfach mehr Einblick in das Ganze. Das Spannende an meinem Job ist sicher, dass alle meine Kunden völlig unterschiedlich aufgestellt sind und ich ganz individuell vorgehen muss. Meine Arbeit umfasst dann beispielsweise das Layouten und Programmieren einer gut strukturierten Homepage, ein Logo-Design sowie die Erstellung unterschiedlichster Werbemittel. Wichtig ist heutzutage natürlich auch der Bereich „social media“. Neben bestehende Unternehmen oder Betrieben, unterstütze ich z.B. aber auch gerne Existenzgründer, die sich womöglich auf andere Dinge konzentrieren müssen, als um Marketing oder eine Coporate Identity. Meine Philosophie dabei ist stets „Hilfe zur Selbsthilfe“, d.h., den Kunden so fit zu machen, dass er mich irgendwann nicht mehr braucht, oder erst dann wieder, wenn neue Herausforderungen anstehen.

Für euch als Gewerbeverein stand dann im Winter 2017/2018 auch eine besondere Herausforderung an, als es hieß: Die Bagger kommen!

Schmidt-Wolf:

Richtig. Das war natürlich für alle Niddaer Gewerbetreibenden erst mal eine große Unsicherheit. Vor allem natürlich für die direkten Anlieger, deren Sorgen und Nöte ganz andere Dimensionen annahmen, als z. B. für mich, die ja keinen Laden an der betroffenen Straße hat. Durch den engen Austausch und das gute Miteinander ist es uns aber gelungen, auch Gewerbetreibende zu mobilisierten (zum Teil auch als Neumitglieder zu gewinnen), deren Geschäft vielleicht nicht direkt an der Schillerstraße oder der neuen Straße liegt, die sich aber dennoch solidarisch zeigten und sich toll mitengagiert haben. Das heißt, wir sind heute mitgliedermäßig stärker aufgestellt als vor der Baustelle, ich hoffe natürlich, dass nach Beendigung der Bauarbeiten alle an Bord bleiben, damit wir weiter breit aufgestellt sind und unsere vielen Sonderaktionen übers Jahr hinweg stabilisieren und ausbauen können. Dazu brauchen wir einfach viele Mitstreiter und wir freuen uns über jeden, der Lust hat, sich anzuschließen. Der Vorstand trifft sich zirka alle sechs Wochen (die Unterausschüsse treffen sich zusätzlich separat), einmal im Jahr ist große Mitgliederversammlung, aber auch zwischendurch versuchen wir unseren Mitgliedern immer Interessantes zu bieten u.a. kostenlose Vorträge (z.B. zuletzt zum Thema Datenschutz) oder aber die Möglichkeit seinen Betrieb auf unsere Homepage in einem Kurzportrait vorzustellen.

Stichwort Sonderaktionen: Nachdem die Stadt Nidda ein Baustellenmanagement – in Person von Andre Haußmann von „Marketing Effekt“ installiert hat, habt ihr als Gewerbeverein die pinkfarbene Kampagne „Nidda macht glücklich“ kreiert und u.a. mit euren Pink Friday-Partys auch über die Stadtgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt. War diese Kampagne die berühmte „Flucht nach vorne?“

Schmidt-Wolf:  

Naja, uns war jedenfalls schnell klar, dass wir diese Baustellenphase nicht in völliger Passivität verbringen konnten. Da es leider aus verkehrstechnischen Gründen unumgänglich war, dass im Umkreis auf den Bundesstraßen Schilder aufgestellt wurden, auf denen stand „Nidda gesperrt“, verbunden mit dem Hinweis Nidda großräumig zu umfahren, lag unser Hauptanliegen darin, den Menschen zu vermitteln, dass Nidda jetzt nicht 15 Monate von der Außenwelt abgeschnitten ist, dass man hier jederzeit alle Geschäfte erreichen kann, dass die Leute nicht denken: Ach, Nidda ist eh zu, da fahre ich lieber gleich nach Friedberg, Gießen, Lich oder Büdingen zum Einkaufen. Ich glaube, dass uns das durch unsere Baustellen-Banner, unserem Maskottchen samt Logo, den vielen Extra-Events, der Präsenz in sozialen, aber auch den analogen Medien, sprich der heimischen Presse, ganz gut gelungen ist. Es war aber von Anfang an klar, dass die Kampagne „Nidda macht glücklich“ nicht nur auf die Baustellenzeit ausgerichtet ist, sondern längerfristig angelegt ist, denn Nidda macht ja noch glücklicher, wenn die Bagger weg sind …(lacht)

Richtig, auch jenseits der Baustelle gab und gibt es viele Events, die ihr federführend oder in Kooperation mit der Stadt Nidda veranstaltet. Kannst du sie kurz benennen?…

Schmidt-Wolf:

Gerne. Ende Januar haben wir das „Sale-Night-Shopping“, und es gibt mehrere verkaufsoffene Sonntage (u.a. zum Frühlingsmarkt). Gut angenommen wird immer der Handwerkerschautag, auch das „Schlemmen und Shoppen“ ist sehr attraktiv. Alle zwei Jahre organisieren wir das „Fest der Kulturen“ (in diesem Jahr jetzt am 10. August) und zum Herbstmarkt den sehr beliebten „Laufsteg Nidda“. Nicht zu vergessen der Weihnachtsmarkt zum Jahresende.

Nachdem die Tiefbauarbeiten abschlossen waren, hieß es zwischen Ostern und Sommer endlich wieder „freie Fahrt durch Nidda. Das Glück währte aber noch relativ kurz, nicht wahr?

Schmidt-Wolf:

Das stimmt, war aber alles so geplant und im Vorfeld auch kommuniziert. Es war klar, dass Hessen Mobil nach Beendigung der eigentlichen Sanierungsarbeiten am Ende noch einen neuen Straßenbelag machen würde. Dass dies nicht im unmittelbaren Anschluss passierte, stand nicht in unserer Macht und ist manchmal einfach schwer zu timen. Zeitweise sah es so aus, als würde sich das Finalisieren noch viel länger hinziehen, jedoch haben wir uns auch da als Gruppe rund um André Haußmann auf die Hinterbeine gestellt und mit Hessen Mobil eine gute Lösung gefunden.

Ist absehbar, ab wann das Großprojekt dann wirklich abgeschlossen sein wird?

Schmidt-Wolf:

Derzeit gehen wir davon aus, dass noch im August alles fertig ist. Am 13.September wird es dann noch einmal eine große Pink Friday-Abschlussparty am Marktplatz geben.Näheres dazu demnächst in der Presse, auf unser Homepage oder unserem Facebook-Auftritt „Nidda baut“.

Was machst du, wenn du dich gerade nicht für deinen Beruf oder den Gewerbeverein engagierst?

Schmidt-Wolf:

Die knappe Freizeit geht natürlich in meine Familie, dazu reite ich und gehe gerne mit unserem Hund spazieren.

Bitte vervollständige nun noch kurz folgende Sätze: Mit 17 habe ich davon geträumt…

Schmidt-Wolf:

… mehr von der Welt zu sehen, rauszukommen, jenseits meines Heimatortes. Klar, das war die Zeit kurz nach der Wende und die Welt vergrößerte sich für uns plötzlich…

Die erste Reise, die ich vor der Wende nicht machen konnte, ging nach…?

Schmidt-Wolf:

…Ägypten zum Tauchen.

Ich kann mich furchtbar aufregen über…

Schmidt-Wolf:

… destruktive Dauer-Nörgler ohne alternative Ideen.

Nidda macht glücklich, weil …

Schmidt-Wolf:

…es ein überschaubar großes, aber reizendes Städtchen ist, das viel zu bieten hat, infrastrukturell, auf Vereinsebene, kulturell, aber eben auch in punkto Einkaufen. Man bekommt hier alles, was man zum Leben benötigt. Mich persönlich macht Nidda glücklich, weil ich hier einfach angekommen und bin und ein neues Zuhause gefunden habe.

 
 
Adresse Rathaus

Stadtverwaltung Nidda
Wilhelm-Eckhardt-Platz
63667 Nidda
Tel.: 0 60 43/80 06-0
E-Mail: info(at)nidda.de
Kontaktformular
Impressum
Datenschutz
Leistungen A-Z

 

Mit Cookies ermöglichen wir Ihnen die optimale Nutzung unserer Website. Mehr erfahren Sie auf unserer Datenschutzseite

ok