Nidda baut - Eine Baustelle zeigt Gesicht: Folge 4

Erika Schuller (Bau-Ingenieurin beim ZOV)

 


Nach einer kurzen Sommerpause geht es nun weiter mit der Vorstellung einiger Gesichter der Niddaer Baustelle. Für mein viertes Baustellenportrait treffe ich mich im kleinen „Nidda baut“- Begegnungsbüro (ehemals Bäckerei Jakob) mit Erika Schuller, Bau-Ingenieurin bei dem ZOV.

Frau Schuller, bevor Sie mir und sicher auch einigen Lesern verraten, was sich hinter den Buchstaben ZOV verbirgt und was genau Sie mit der Niddaer Baustelle zu tun haben, zunächst zu Ihnen privat. Sie sind keine Niddaerin, sondern stammen aus einem anderen recht netten Ort in der Wetterau, nicht wahr?

Erika Schuller:

Das stimmt. Ich lebe heute noch in dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin, nämlich in Butzbach. Dort bin ich auch zur Schule gegangen. Die Klassen 1-6 verbrachte ich in der Stadtschule, danach bin ich aufs Weidiggymnasium, wo ich 1995 mein Abitur machte.

Was hat Sie als Kind oder Jugendliche begeistert?                           

Erika Schuller:

Ich habe schon immer gerne gesungen und war lange in einem Chor aktiv. Ansonsten war ich aber schon als Kind nicht so der „Vereinstyp“. Ich traf mich lieber mit meinen Freunden zum Spielen und zum Quatschen.

Wollten Sie schon als Jugendliche Bauingenieurin werden?

Erika Schuller:

Nein, so konkret waren meine Überlegung damals nicht, es gab auch niemanden in meinem Umfeld, der Bauingenieur war und mich hätte dafür interessieren können. Da ich mich in der Oberstufe - neben den naturwissenschaftlichen Fächern - vor allem für Mathe interessierte und zudem gerne zeichnete, liebäugelte ich zunächst damit, Bauzeichnerin zu werden, ohne aber einen klaren Umsetzungsplan zu haben. Daher ließ ich mich u.a. auch mal beim Arbeitsamt beraten, die damals für mich eine Ausbildung zur Kulturbautechnikerin im Angebot hatten. Das war zwar nicht ganz das, was ich wollte, aber auch gar nicht so weit weg davon.

Entschuldigung, aber da muss ich als Kulturschaffender einhaken: Einerseits Kultur, dann aber Bauen und Technik, das geht für mich so gar nicht zusammen…

Erika Schuller:

(lacht) Kultur hat in diesem Fall nichts mit Kunst, Musik oder Museen zu tun, sondern eher mit Böden, Kanälen, Wasser und Abwasser. Folgerichtig habe diese Ausbildung auch nicht am Theater, sondern beim Wasserwirtschaftsamt in Friedberg gemacht. Als das dann umstrukturiert wurde, landete ich beim Regierungspräsidium Darmstadt bzw. beim Umweltamt in Frankfurt, wo ich dann auch meine Ausbildung abgeschlossen und im Folgejahr gearbeitet habe. 100 Prozent erfüllt haben mich meine Aufgaben dort aber irgendwann nicht mehr, so dass ich mich dazu entschloss, noch ein Bauingenieur-Studium in Gießen draufzusatteln. Nicht zuletzt auch deswegen, weil ich damals zwei tolle Ausbildungsleiter hatte, die beide Bauingenieure waren. Schon während dieser Studienzeit konnte ich dann im Rahmen einiger Praktika Kontakte zur OVAG knüpfen, arbeitete zum Beispiel im Wasserwerk in Inheiden und habe dort auch meine Diplomarbeit geschrieben. Nach Beendigung meines Studiums erinnerte man sich bei der OVAG bzw. beim ZOV an mich und ich konnte dort dann richtig ins Berufsleben einsteigen.

Ich glaube die Buchstaben OVAG sind für fast alle hier in der Region ein Begriff, noch aber ist das Rätsel nicht gelöst, was sich hinter ZOV verbirgt…

Erika Schuller:

Die OVAG kennen viele als regionalen Wasser- und Stromversorger. Der ZOV ist sozusagen die Muttergesellschaft der OVAG. ZOV steht für Zweckverband Oberhessischer Versorgungsbetriebe und ist eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Der ZOV hat 2005 die Abwasseranlagen von Nidda und Hirzenhain übernommen - inklusive der gesamten Kanalisation - und wurde als eigenständiger Bereich im Wasserwerk Inheiden aufgebaut.
Wir sind ein Betrieb von etwa 4-5 Personen und sitzen heute in Büroräumen des Hof Grass´ bei Hungen. In unserem Team bin ich vorrangig für alle Baumaßnahmen zuständig, das heißt, ich schaue, was sanierungsbedürftig ist, und übernehme bei anstehenden Baumaßnahmen dann die Projektsteuerung, inklusive der Aufstellung eines Finanzierung- bzw. Wirtschaftsplans. Ebenso gehört zu meinem Job auch die Koordination und Kommunikation mit anderen Baulastträgern (z. B. Hessen Mobil), den Städten und Gemeinden oder aber mit den betroffenen Hauseigentümern.

Können Sie kurz noch den Begriff  „Körperschaft öffentlichen Rechts“ erläutern?

Erika Schuller:

Das bedeutet, dass der ZOV kein auf Gewinn ausgerichteter Betrieb ist, Konkret heißt das, dass die Gelder, die über Abwassergebühren erwirtschaftet werden, nur zu Erhaltungs- und Sanierungszwecken im Abwasserbereich verwendet werden dürfen. Und zwar nur dort, wo sie erhoben wurden.

Das heißt, Abwassergebühren, die in Nidda gezahlt werden, werden auch hier in Nidda eingesetzt und investiert.

Erika Schuller:

Richtig. Und da die derzeitigen Baumaßnahmen hier in Nidda auch die Kanalisation samt zahlreicher Hausanschlüsse betreffen, sind wir als ZOV von Beginn an in alle Abläufe und Planungen involviert. Wir vom ZOV unterscheiden das Bauvorhaben grob in zwei Abschnitte: Auf der Strecke zwischen Marktplatz und Volksbank bauen wir komplett neue Hausanschlüsse und Hauptleitungen, während ab der Schillerstraße „nur“ die Hausanschlüsse erneuert werden. Diese Hausanschlüsse haben sich nach unseren Prüfungen als mehr als sanierungsbedürftig erwiesen. Den Hauptkanal der Schillerstraße haben wir ebenfalls gründlich gecheckt, der wurde aber als noch recht gut befunden, so dass es dort ausreicht, einen Inliner einzuziehen.

Ähh, einen Inliner? Schon wieder so ein Fachbegriff. Ich vermute aber mal stark, dass Sie da keinen Rollschuhfahrer auf Inlinern durchschicken, oder?

Erika Schuller:

(lacht) Nein, ein Inliner ist ein harzgetränkter Kunststoffschlauch, der den Kanal quasi von innen saniert, in dem er sich im Inneren des Rohres ausdehnt, sich an die Innenwände legt, so dass ein fugenloses Rohr-in Rohr-System entsteht. Das geht natürlich nur, wenn der Kanal noch ausreichend Standsicherheit hat und nur kleinere Schäden aufweist.

Die Erneuerung eines Kanal-Hausanschlusses bringt keine unerheblichen Kosten mit sich. Sicher ist da nicht jeder Hausbesitzer sofort einsichtig, da diese Schäden für ihn nicht spürbar oder sichtbar sind. Welche Auswirkungen könnte es denn haben, wenn man diese Hausanschlüsse jetzt nicht sanieren würde?

Erika Schuller:

Wie gesagt, wir haben uns alle Hausanschlüsse im Vorfeld intensiv per TV-Kamera angesehen und durchgängig erheblichen Sanierungsbedarf gesehen. Das passiert übrigens - wie vom Gesetzgeber vorgesehen - in regelmäßigen Abständen. Bei diesen Untersuchungen konnte man viele Risse oder sogar Brüche erkennen. Und wenn dann Abwasser austritt, bewegen wir uns schnell im Bereich der Gewässerverunreinigung, was als Straftatbestand gilt, für den man uns - im Falle des Falles - auch belangen könnte, da wir diesbezüglich in der Verantwortung stehen. Wir müssen regelmäßig Berichte über den Zustand an die Überwachungsbehörden übermitteln und zudem benennen, welche Innensanierungen oder größere Baumaßnahmen unabdingbar sind.

Nachdem in Nidda also Handlungsbedarf festgestellt wurde, wie war dann das weitere Vorgehen Ihrerseits?

Erika Schuller:

Wir haben uns recht schnell mit dem Ingenieurbüro Michael Buhle einen ortsansässigen Planer mit ins Boot geholt, was den Vorteil hat, dass dieser bestens mit den Örtlichkeiten vertraut ist. Mit diesem Büro habe ich die Gesamtplanung des Projekts erarbeitet, inklusive der Suche per Ausschreibung nach einem ausführenden Bauunternehmen. Dabei erhielt dann die Firma Caspar den Zuschlag.

Seit Beginn der Planung sind Sie nun also relativ häufig hier vor Ort in Nidda, rund um die Baustelle anzutreffen, nicht wahr?

Erika Schuller:

Ja, sicher zwei- bis dreimal in der Woche. Wir haben regelmäßige Baustellenmeetings, in denen alles Relevante und Aktuelle besprochen wird. Mir ist diesbezüglich ein möglichst enger Kontakt zu den Ausführenden, vor allem zum Polier sehr wichtig. Natürlich stehe ich auch in Kontakt zu den jeweiligen Hauseigentümern. Gerade in diesem Bereich ist eine gute und offene Kommunikation wichtig, denn die Hauseigentümer müssen ja die Kosten für die Erneuerung der Kanalanschlüsse tragen. Manche Häuser haben drei oder vier Anschlüsse, da sind wir natürlich bemüht, die Kosten so gering wie möglich zu halten, indem möglichst Anschlüsse zusammengelegt werden.

Bekommen Sie in Ihrer Funktion nicht hin und wieder den Ärger und den Frust der Hauseigentümer ab? Schließlich wird  keiner gerne gezwungen, so viel Geld  auszugeben für etwas, das – vordergründig – noch bestens funktioniert.  Haben Sie sich diesbezüglich schon ein dickes Fell angeeignet, aneignen müssen?

Erika Schuller:

Natürlich bekommt man hin und wieder den Frust der Leute ab. Mitunter hören die Leute dann gar nicht mehr zu, wenn ich versuche, Ihnen den Sachverhalt in aller Ruhe zu erklären, sondern poltern einfach los. Gerne auch mal mit dem Vorwurf, dass wir (der ZOV oder gerne auch mal die OVAG, die ja damit gar nichts zu tun hat) uns doch nur die Taschen vollmachen würden. Warum dies nicht so ist, habe ich ja oben schon erklärt, Stichwort „Körperschaft öffentlichen Rechts.“ Ich weiß aber, dass dieser Frust nicht gegen mich persönlich gerichtet ist, sondern dass ich als Ventil zum Druckablassen herhalten muss. Ich bin jetzt seit 13 Jahren in diesem Geschäft, da wächst das dicke Fell irgendwie mit. In den ersten fünf Jahren haben mich solche Situationen noch etwas mehr mitgenommen.

Auch wenn die Emanzipation in den letzten Jahren viel erreicht hat, ist es dennoch so, dass Frauen auf Baustellen eher selten anzutreffen sind. Müssen Sie sich als Frau in dieser Männerdomäne besonders beweisen, sich Ihre Anerkennung erst verdienen?

Erika Schuller:

Natürlich ist es weiterhin eher die Ausnahme, dass eine Frau, eine Bauingenieurin eine solche große Baustelle mitkoordiniert. Aber es ist nicht neu für mich. In der Unterzahl zu sein. Schon beim Studium waren wir als Frauen nur zu dritt unter ganz vielen Männern. Zwei davon haben das Studium beendet. Neben mir noch meine heute beste Freundin…

Allein unter Männern, das schweißt zusammen…

Erika Schuller:

Ja, vielleicht, wir können uns jedenfalls  bis heute gut darüber austauschen, wie es der anderen diesbezüglich ergeht. Als Frau auf dem Bau bleibt es nicht aus, dass man mal schief angeguckt wird, einen Spruch zu hören bekommt oder einfach nicht ernst genommen wird. Gerade zu Beginn, wenn man noch jung ist. Allerdings hatte ich das Glück, in meinem Job  stets auf der Bauherrenseite zu stehen und zu arbeiten, insofern galt und gilt das, was ich sage und muss umgesetzt werden. Das macht die Sache etwas einfacher. Da ist ein selbstbewusstes Auftreten natürlich wichtig, ebenso wie eine klare und stringente Linie in allen Entscheidungen. Das gilt allerdings auch für Männer.

Haben Sie in Ihrem bisherigen Berufsleben schon einmal erlebt, dass ein solches Bauprojekt von einer Marketingkampagne begleitet wird?

Erika Schuller:

Nein, das ist für mich diesbezüglich eine Premiere. Überhaupt habe ich bislang noch nicht so häufig Baustellen betreut, bei denen - neben den „normalen“ Hauseigentümern so viele Geschäftstreibende massiv betroffen sind. Da wird einem noch mal ganz neu bewusst, dass an solchen Baumaßnahmen auch Existenzen hängen können. Weniger notwendig macht dies die Sanierungen allerdings auch nicht. Insofern waren wir vom ZOV sofort von der Idee angetan, dass die Stadt Nidda in ein Baustellenmarketing investiert und sich diesbezüglich kompetente Unterstützung holt. Es ist toll, was seitens Herrn Haußmanns, aber vor allem durch das große Engagement des Gewerbevereins auf die Beine gestellt wurde. Selten habe ich eine so motivierte Gruppe erlebt, nach einem ersten, absolut verständlichen Grummeln, ob der bevorstanden Sperrungen, ging alles sofort in positiven Tatendrang über. Da habe ich wirklich Hochachtung vor. Ich persönlich bin durch meine hohe Präsenz hier selbst auf einige Geschäfte aufmerksam geworden und habe schon hin und wieder hier etwas gekauft. Gerade im Textil-Bereich ist das Angebot hier in Nidda wirklich top, viel größer und vielfältiger als in Butzbach. Auch das Kino ist wirklich superschön, spielt regional gesehen sozusagen in einer „eigenen Liga“.

Bitte vervollständigen Sie noch kurz folgende Sätze: In Bezug auf die Baustelle in Nidda wünsche ich mir …

Erika Schuller:

….dass das „Klima“, das Miteinander unter allen Beteiligten weiterhin so konstruktiv und gut bleibt. Und, dass wir beim Buddeln nichts Unerwartetes finden, das eine Verzögerung mit sich bringt. Bis jetzt zumindest sind wir aber voll auf Kurs und im Zeitplan.

Mein persönlicher Lieblingsplatz in Nidda ist…

Erika Schuler:

…auf einer der Brücken über die Nidda. Es ist einfach schön, wenn so ein Flüsschen gemütlich durch den Ort fließt. Auch das habe ich bei mir zu Hause in Butzbach nicht. …Und die Eisdiele auf dem Marktplatz, da habe ich mir in der Mittagspause nach dem Baustellentermin schon das ein oder andere Eis gegönnt. Die haben wirklich vorzügliches Eis.

Nidda macht glücklich weil …

Erika Schuller:

… es hier viele Gewerbetreibende und Einzelhändler gibt, die nicht lange rummosern, sondern einfach anpacken, sich engagieren, sich zur Not auch mal ein paar Nächte um die Ohren schlagen und etwas bewegen wollen. Darauf kann Nidda schon stolz sein.

Frau Schuller, vielen Dank für dieses Gespräch.


>> Video-Interview


 
 
Adresse Rathaus

Stadtverwaltung Nidda
Wilhelm-Eckhardt-Platz
63667 Nidda
Tel.: 0 60 43/80 06-0
E-Mail: info(at)nidda.de
Kontaktformular
Impressum
Datenschutz
Leistungen A-Z

 

Um unsere Wesite für Sie optimal zu gestalten verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung
ok