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LGS27

Oberhessen im Fokus der Forschung

Wenn es um Stadtentwicklung geht, denkt die Forschung meist groß: Weltausstellungen, Olympische Spiele, Fußballweltmeisterschaften. Kleine Städte kommen in dieser Mega-Event-Debatte kaum vor. Umso bemerkenswerter ist es, dass nun Oberhessen in den wissenschaftlichen Fokus rückt – wegen der Landesgartenschau (LGS) 2027.

Für die Region ist sie das größte Landesfest Hessens. Doch Forschende interessiert weniger der Zeitraum vom 22. April bis 3. Oktober als die Zeit danach. Was bleibt von diesem Sommer ’27? Wie verändert er den Alltag, das Freizeitverhalten, das Miteinander der Menschen vor Ort? Und wie wird Oberhessen von anderen künftig wahrgenommen? 

Mit diesen Fragen beschäftigen sich unter anderem das Ifo-Institut, das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL), Doktoranden der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie überregionale Medien. Die Aufmerksamkeit ist schon jetzt groß.

Foto Bernd Uwe Domes

„Die Landesgartenschau ist ein Jahrhundertprojekt“, sagt Wirtschaftsförderer Bernd-Uwe Domes. Rund 30 Millionen Euro Fördermittel stehen für die Region bisher bereit, etliche Summen sind schon geflossen. Investiert wird vor allem in drei Parks: den neuen Stadtpark in Büdingen, den Schlosspark in Gedern und den Kurpark in Bad Salzhausen. 
Bild: Wirtschaftsförderer Bernd-Uwe Domes sieht das Potenzial für junge Familien

Hinzu kommen 49 LEADER-Projekte mit direktem Bezug zur Gartenschau. Vieles, was lange geplant war und am Geld scheiterte, wird nun umgesetzt. Und es entsteht Neues.

Langfristige Stadtstrategien

Entscheidend sind jedoch die mittel- und langfristigen Effekte. Domes spricht von einem „neuen Raumbild“ – gemeint ist die stärkere Sichtbarkeit Oberhessens, auch im Rhein-Main-Gebiet. Die Landesgartenschau könne das Image einer strukturschwachen Region verändern, Investitionen erleichtern, den Wohnstandort stärken und die Lebensqualität verbessern. Eine solche Profilbildung, betont Domes, könne keine Kommune allein leisten. Angesichts knapper Kassen, digitaler Transformation, Klimaschutz und demografischem Wandel müsse jede Stadt klären: Wo stehen wir, wo wollen wir hin? Die neu entwickelten Flächen dürften nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssten Teil einer langfristigen Stadtstrategie sein.

Der Druck ist hoch. Vielen Kommunen fehlt der finanzielle Spielraum, sie verlieren Einwohner, besonders in abgelegenen Ortsteilen ohne gute Verkehrsanbindung. Mit jedem Wegzug sinken die für die Städte und Gemeinden so wichtigen Einnahmen aus der Einkommensteuer. Das ist besonders für Kommunen mit wenig Gewerbe drastisch. Gleichzeitig gehen geburtenstarke Jahrgänge in Rente. Der demografische Wandel belastet die Haushalte spürbar.

Attraktiv für junge Familien

Hier sieht Domes die Chance: Die Landesgartenschau könne junge Familien anziehen, die im Rhein-Main-Gebiet kaum noch bezahlbaren Wohnraum finden. Wer bleibt, stärkt Kaufkraft, Schulen, Vereine und Infrastruktur. „Familien sollen nicht nur kommen, sie sollen bleiben“, sagt Domes. Dafür sind unter anderem Angebote an Baugebieten, eine gezielte Innenstadtentwicklung und Freizeitmöglichkeiten wichtig. Die LGS sei dafür ein Motor – ihr Erfolg zeige sich erst in den Jahren danach.

Auch wissenschaftlich betritt Oberhessen Neuland. Das interkommunale Modell wird an der Justus-Liebig-Universität in einer Promotion (siehe Info-Kasten) untersucht. Mit der Web-Seminar-Reihe „Inside LGS Oberhessen“ des BZL werden die beiden Geschäftsführer Florian Herrmann und Thomas Hellingrath ihre Erfahrungen bundesweit teilen. Interviews gab es bereits – es werden nicht die letzten sein.

 

Info: 
Die Justus-Liebig-Universität Gießen startet am 1. März eine 36-monatige Forschungsarbeit in Kooperation mit der Landesgartenschaugesellschaft gGmbH unter der Leitung von Prof. Dr. Christian Diller. Untersucht wird, wie Landesgartenschauen als Instrument der Stadtentwicklung in Klein- und Mittelstädten wirken und weiterentwickelt werden können. Im Zentrum stehen die Überprüfung eines Phasenmodells, Fragen der Bürgerbeteiligung und Akzeptanz, insbesondere bei interkommunalen Projekten, sowie die Entwicklung verbindlicher Evaluationsmethoden. Ziel ist ein „lernendes System“ und ein stärkerer Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis – mit konkreten Leitfäden für Städte und Veranstalter.

 

Eine Pressemitteilung der Landesgartenschau Oberhessen 2027 gGmbH